Meine erste Begleitung

Die Entscheidung zur Teilnahme an diesem Kurs habe ich lange vor mir hergeschoben und der Zufall wollte es, dass ich in der Tageszeitung einen Artikel über eben diesen Kurs gelesen habe. Eigentlich hatte ich gar keine Zeit, denn wer kann als Berufstätiger schon dienstags um 16 Uhr an so einer Veranstaltung teilnehmen? Ist doch nur eine Ausrede dachte ich mir und habe es eben zeitlich so eingerichtet, dass ich meistens pünktlich da war.

So wurde ich Teil der Gruppe und im Nachhinein darf ich sagen, wir waren eine tolle Gruppe. Vollkommen verschiedene Menschen unterschiedlichen Alters, die das Gleiche wollen und sich auf wunderbare Weise aufeinander eingelassen haben. Zu diesem Zeitpunkt war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt einmal eine Sterbebegleitung übernehmen möchte.

Noch während der Ausbildung wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, einen jungen Mann zu begleiten. Etwas ängstlich bin ich dann zum Lukas-Krankenhaus nach Bünde gefahren und habe Tommy auf der Palliativstation besucht. Wir waren uns sympathisch und haben es miteinander versucht. Als er von der Palli nach Hause entlassen wurde, bin ich anfangs immer am Mittwoch nach der Arbeit zu ihm gefahren. Wir haben uns vorsichtig kennengelernt. Er hat mir von seiner Gehbehinderung erzählt, die er seit Geburt hat und von seiner Ausbildung. An manchen Tagen haben wir auch nur Fernsehfilme angesehen, fast ohne Worte. Da bin ich schon mal ins Grübeln gekommen, ob ich alles „richtig“ mache oder nicht. An einem anderen Tag haben wir zusammen stundenlang „Neue Deutsche Welle“ gehört. Das war ein toller Nachmittag und wir haben viel zusammen gelacht. Ab und zu gab es ernste Gespräche über seine Krebserkrankung und Hoffnung auf Heilung, aber nie über den Tod. In dieser Zeit war ich mir sehr unsicher, ob Tommy überhaupt wusste, dass er bald sterben wird.

In dieser für mich schwierigen Lage, konnte ich glücklicherweise meine Koordinatorin Gisela anrufen, die mir sehr geholfen hat, mit dieser Situation fertig zu werden. Es gab Tage, an denen war ich nicht so gut drauf und es fiel mir schwer zu Tommy zu fahren. Spätestens auf dem Nachhauseweg war ich froh darüber, bei ihm gewesen zu sein.

Ich habe Tommy nur meine Zeit geschenkt, seine Dankbarkeit darüber war riesengroß und in manchen Situationen hat er mir das auch in seiner besonderen Art und Weise gesagt. Am Ende seines Lebens durfte ich bei ihm sein und genau das miterleben, vor dem ich die meiste Angst hatte: Dem Sterben. Es war schon schwierig, bis zuletzt bei ihm zu sein. Aber es war okay für mich und so manches Mal, wenn ich an Tommy denke, weiß ich, dass er mir mehr gegeben hat als ich ihm.

Danke Tommy …

Reinhard Krutz