Bericht aus dem Vorbereitungskurs Frühjahr 2008

Was habe ich mit Hospizarbeit zu tun? - Initial wollte ich bloß mal schauen, wie andere mit der letzten Phase des Lebens umgehen. Im April startete ein neuer Einführungskurs der Hospizgruppe Bünde. Eine bunt gemischte Gruppe (2 Männer, 10 Frauen; aus unterschiedlichen Berufsgruppen; manche am Berufsanfang, andere am Berufende, mitten drin oder berentet; die einen allein stehend, andere mit Familie), traf sich in den Räumen des Lukas Krankenhauses im lockeren, gemütlichen Rahmen.

Pastor Hanno Paul, Schwester Gabriele Altenburger, Schwester Martina Waldeyer, die Koordinatoren der Gruppe fragten bei der ersten Sitzung gleich nach der Vorstellungsrunde, welche Motivation und welche Absicht jeder einzelne zu dieser ehrenamtlichen Arbeit hat.

Es begann eine kritische Auseinandersetzung, jeder für sich, aber bald auch innerhalb der Gruppe. Wir merkten schnell, wie komplex das Thema ist, und dass alle Begriffe nur einen Bruchteil der Emotionen wiedergab.

Beim zweiten Treffen machte das Team des Kreises uns klar, dass wir eigene Angst und Lebensprobleme zunächst klären müssen, bevor wir anderen am Lebensende hilfreich Zuwendung geben können. Sie forderten uns auf unsere eigenen Erfahrungen, Berührungspunkte mit dem Tod auf einem Plakat aufzuzeichnen.

Die Vergangenheit bestimmt die Gegenwart. Auch an diesem Tag spürten wir, dass das Thema unter die Haut geht. Seelsorger Hanno Paul animierte uns den Gefühlen Raum zu geben und wir lernten, dass negativ besetzte Empfindungen positiv sein können.

Beim dritten Termin sollten wir uns im Rollenspiel in die Lage eines Hospizlers versetzen. Wir konstruierten ein Fallbeispiel zwischen Sterbenden, Angehörigen und ehrenamtlichen Mitarbeiter. Bei diesem Versuch sollten wir auf die drei notwendigen Faktoren: Respekt, Empathie und Authentizität achten. Die Leiter gaben uns mit Kommunikationsstrukturen Hilfestellungen für die Rolle des Hospizlers. Das Ergebnis dieses Experiments: Tränen und Ohnmachtsgefühl, wir stoßen hier an unsere Grenzen.

Dies ist kein Plädoyer gegen Hospitzarbeit! - Im Gegenteil. Ich denke genau in dieser Intensität liegt der Anspruch der Arbeit. Wir erweitern unseren ganz persönlichen Gesichtskreis, wenn wir uns dieser Aufgabe stellen.

Ich arbeite seit 1989 im Intensivpflegebereich, bin also eine Professionelle. Mein Berufsziel ist klar definiert: Leben erhalten. Mit hochgradigen Aktivismus, spezialisiertem Know-how, jeder Menge Apparatemedizin und Chemie trete ich an meinem Arbeitsplatz dem Lebensende entgegen. Aber der medizinische Fortschritt hat Grenzen. Nicht alles was machbar ist, ist auch sinnvoll. Andererseits darf keine Heilungschance und explodierende Kosten im Gesundheitswesen auch nicht bedeuten, dass es zur gesellschaftlichen Pflicht wird sich selbst zu entsorgen, einen schnellen Tod herbeizusehnen, weil wir Einsamkeit, Isolation, unwürdige Behandlung fürchten.

Als Hospizler stehe ich dem Menschen mit leeren Händen gegenüber. Das kann viel menschlicher und hilfreicher sein. Ich glaube, dass wir eine palliative Kultur brauchen, um in unserer letzten Phase einen Platz in unserer Gesellschaft zu haben. Ich wünsche, dass die Palliativmedizin konsequent eingesetzt wird und die Begleitung, die auf Nöte und Wünsche wirklich eingeht, greift. Jeder ist indirekt oder direkt betroffen, darum sollte jeder seinen Betrag leisten und nicht nur auf Institutionen verweisen. Hospizarbeit gehört zum Leben. Ich stimme Pastor Hanno Paul zu, diese Zuwendung, Hilfe sollte selbstverständlich sein, sowie Nachbarschaftshilfe oder christliche Nächstenliebe.

Der Einführungskurs Hospizarbeit bedeutet für mich, dass ich mich, wo es gewünscht wird, solidarisch erkläre. Ich hoffe es finden sich weitere, insbesondere diejenigen aus unserer Gruppe, die zwischenzeitlich an sich und dem Sinn zweifelten.

P.S. Ich danke Pastor Hanno Paul, Schwester Gabrielle Altenburger und Schwester Martina Waldeyer und bin gespannt auf unsere Zusammenarbeit.

Kathrin Tiemann