Der vereiste Fluss

Eine Möglichkeit, sich unserer Trauer anzunehmen, läuft über innere Bilder. Hier eine Meditation (angeregt durch das entsprechende Kapitel aus Antje Uffmanns Buch, Trauer und leben) und die Bilder, die die Mitglieder der Trauergruppe im Anschluss dazu gemalt haben.

Durch die Trauerwelt schlängelt sich ein Fluss, dessen Wasser nicht fließt. Es kann nicht fließen, weil es so kalt ist, dass sich eine dicke Eisdecke gebildet hat. Das Wasser, das normalerweise ständig strömt und ewig dahinfließt, ist zu Eis erstarrt. Es muss sehr kalt sein, damit ein Fluss vereist. Die Fließbewegung des Wassers verhindert normalerweise, dass eine feste Eisdecke entsteht. Aber wenn die Kälte zu grimmig ist, muss auch das lebendigste Wasser am Ende still werden und zu Eis gefrieren. In der Trauerwelt kann es so kalt werden. Es ist die Kälte und Einsamkeit des Verlustes, die dann herrscht. Sie kann den Trauernden ergreifen und seinen Lebensstrom zum Stillstand zwingen.

Manchmal vereisen wir in der Trauer. Wir erstarren innerlich und äußerlich – wie groß muss der Schmerz sein, vor dem sich der Trauernde durch die Erstarrung schützen muss!

bild 4

Und es ist nicht nur der Schmerz über den Verlust meines geliebten Menschen, es ist auch der Schmerz über nicht Gelungenes in der Beziehung, über verpasste Momente, … Da hätte ich doch ... über nicht Vergebenes …
Wenn der Ansturm der Gefühle zu heftig ist, haben wir Angst, ganz im Meer unseres Schmerzes unterzugehen, von der Trauer überflutet zu werden und die Kontrolle über die eigenen Gefühle zu verlieren. Dann erscheint es sicherer, die Gefühle gar nicht erst wahrzunehmen und stattdessen innerlich zu erstarren und zu vereisen.
Dann fühlen sich Trostversuche meiner Mitmenschen oft eher bedrohlich an, da könnte etwas auftauen und Gefühle zum Vorschein bringen, die ich gar nicht haben will und die evtl. furchtbar weh tun.

bild 3

Aber auch die Vereisung wird irgendwann schmerzhaft werden. Wenn wir zu lange in dem kalten Gewässer bleiben, sind die Schmerzen, die dann erlitten werden, größer als die Schmerzen der Weiterreise. Wenn wir in Trauer und Schmerz erstarren, schneiden wir uns vom Fluss des Lebens ab. In der Erstarrung können wir auch keinen Trost, kein Mitgefühl annehmen, können wir im Herzen weder unseren Mitmenschen noch uns selbst begegnen.
Erstarrung und Vereisung sind eine Überlebensreaktion. Möglicherweise hast du sie schon als Kind gebraucht, um dich in verletzenden Situationen zu schützen. Deshalb ist es gut, wenn du dich darin erst einmal wahrnimmst, dich spürst und verstehst, wie notwendig sie für dich war. Die liebevolle Begegnung mit dir selbst ist der erste Schritt, um sie aufzulösen …

Die Erstarrung können wir auch in unserem Körper spüren. Denn unser Körper spiegelt alle unsere Empfindungen wider. Sätze wie: „Ich muss mich zusammen reißen”, „Ich darf mich jetzt nicht gehen lassen”,  „Ich muss stark sein” sind eine gedankliche Entsprechung zur Erstarrung der Muskeln. Das Gegenteil hieße: „Ich darf auch mal loslassen”, Ich entspanne mich”, ”Ich darf mich weich und verletzlich fühlen” oder „Es tut mir gut, meine Schwäche zuzulassen und zu zeigen”.

Wenn Du dir jetzt deinen Trauerfluss anschaust, schau mal, wie dick der Eispanzer darauf ist, und hör mal zu, wie es darunter gluckert. … Da ist noch ein Strom, der fließen will …

Und stell‘ Dir mal vor, wie es sich in dir, in deinem Fluss, in deiner Landschaft verändert, was passiert, wenn Du dem Gluckern zuhörst ...

 

Weitere Bilder